Der Nordseewind bläst uns ins Gesicht. Ein Schwarm jugendlicher Goldregenpfeifer überfliegt den Deich in elegantem Schwung, unermüdlich hin und her. Die kalte Jahreszeit werden sie im Süden verbringen.
Auf ihren Zügen zwischen den Brutplätzen und Winterquartieren rasten auch Löffelreiher, Brandenten und Küstenseeschwalben in der Lagune und auf den Strandwiesen der Agger Tange.
Am Rande dieses Vogelschutzgebietes werden wir ein paar kühle Sommertage verbringen. Eine Lampe von Henningsen, Stühle von Hans Wegner und Wasserhähne von Arne Jacobsen machen das einfache Häuschen zeitlos schön.
Ich versuche zu verstehen, warum Dänemark zu den Ländern mit der glücklichsten Bevölkerung auf der Welt zählt.
Die Leute hier gehen gut miteinander um. Uns begegnen immer wieder Menschen, so offensichtlich im Reinen mit sich und der Welt, dass der Unterschied zu unserer Berliner Heimat voll hupender Moralisten, verzweifelter Perfektionisten und idealistischen Skeptikern kaum größer sein könnte.
Hygge ist der Begriff, der die Lebensweise dieser freundlichen Nachfahren von Wikingern in ihrem kargen Land hoch im Norden beschreibt: gemütlich auf der Terrasse Tee trinken, gemeinsam kochen, spielen, vorlesen und das Einfache genießen. Ich bin dafür nicht herausragend begabt.
Aber es ist kein Zufall, dass in einer Gesellschaft, die so lebt, auch die Städte, die öffentlichen Räume und Gebäude so gestaltet werden, dass in einer schönen Umgebung ein gutes Miteinander gelingen kann. Hygge ist also nicht nur eine bürgerliche Marketing Kampagne, sondern der Schlüssel zum Verständnis einer Erfolgsformel, die die richtige Mischung aus Selbstverantwortung, guter Gestaltung und Fürsorge gefunden hat.
Nahezu in allen Bereichen finden sich die Dänen in der Weltspitze: Der Lebensstandard ist erheblich höher als in Deutschland. Auch die Verteilung der Einkommen ist gerechter. Gleichzeitig sind die wirtschaftlichen Freiheiten für Unternehmer groß und die Staatsverschuldung gering. Eigentlich zu gut, um nicht einem von Andersens Märchen entsprungen zu sein.
Aber für ihr Vertrauen und ihre hohen Steuern bekommen die Dänen wirtschaftliche Dynamik, vernünftige Regierungen und funktionierende Institutionen. So konnte das Land viele der Themen bereits abräumen, die sich mittlerweile im idealistisch verträumten Deutschland zu scheinbar unüberwindlichen Strassensperren aufgetürmt haben.
Mit der Aufstellung von Windrädern haben die Dänen bereits nach dem Abbau der Windmühlen begonnen. Heute erzeugen sie 90 % ihres Stroms erneuerbar und versorgen zwei Drittel der Haushalte mit Fernwärme, meist nachhaltig. Auch die Mobilitätswende ist längst Realität. Hier finden die meisten, dass Radfahren die Menschen gesünder macht. So einfach ist das, wenn man bereits nach der ersten Ölkrise in den 70ern mit dem Bau von Radwegen begonnen hat.
Die Bürokratiekosten werden regelmäßig gemessen und reduziert. Verwaltung versteht sich als Service für Bürger und Unternehmen. Prozesse werden kontinuierlich vereinfacht und verschlankt, auch durch den Abbau von Vorschriften.
Wie bei Verwaltungsvorgängen üblich, werden auch Bauanträge digital eingereicht.
Pragmatische Kommunen mit klaren Zuständigkeiten und schlanken Verfahren ermöglichen schnelle Genehmigungen.Die dänische Antwort auf steigende Mieten in den Ballungsgebieten sind gemeinnützige Wohnungen ohne Gewinnerzielung. Verwaltet werden die durch Mieterdemokratie, Zuteilung über transparente Wartelisten ohne Bedürftigkeitsprüfung. 17% der Dänen wohnen so.????????????????
Ja, Dänemark ist kaum größer als Legoland, mit einer so homogen Bevölkerung, dass alle heute noch von einem einzigen Wikinger Clan abstammen könnten. Das ist kaum zu vergleichen mit dem widersprüchlichen Knäuel unterschiedlicher Lebensumstände in deutschen Städten und Regionen.
Aber die Dänen scheinen verstanden zu haben, dass eine florierende Wirtschaft mit kreativen und prosperierenden Unternehmen die Voraussetzung für eine gerechte und erfolgreiche Gesellschaft ist.
Es gibt dort bereits seit Jahren eine boomende Wirtschaft und keine selbstgemachte Baukrise, wie in Deutschland. Kaum vorstellbar, dass eine handlungsunfähige Immobilienwirtschaft, die über Jahre nicht in der Lage ist, die erforderlichen Wohnungen zu bauen, in Dänemark akzeptiert würde.
Auf unseren Wanderungen durch das Naturschutzgebiet begegnen uns immer wieder freundliche Freiwillige, zumeist Pensionäre, die ihren Park in Ordnung halten.
Unsere Tage in Agger-Tange fliegen dahin, wie die Graugänse über den Flade Sø.