Die Kolumne. Rituale der Erneuerung 03/2026

Die Kolumne. Rituale der Erneuerung 03/2026

Bruno Taut war zu Tränen gerührt. Als er kurz nach seiner Flucht vor den Nazis die Katsura Villa in Kyoto sah, hatte er in Berlin bereits die Hufeisensiedlung und Onkel Toms Hütte realisiert. Damals die ersten Sozialwohnungsbauten, heute Weltkulturerbe. Er sah in der Katsura Villa mit ihren einfachen, eleganten Häusern und dem Garten aus dem 17. Jahrhundert die Vorwegnahme des Neuen Bauens. Sie wurde durch seine Bücher zum westlich anerkannten Höhepunkt japanischer Baukunst: Reduktion, Funktionalität, Modulbau.

Diese Vorstellungen brachte ich mit nach Japan. Wer Bauwerke von neun Pritzker-Preisträgern und Meisterwerke in fast allen handwerklichen und künstlerischen  Ausdrucksformen erleben will, fährt zurzeit dorthin. 

Der Katsura Garten zeigte auch mir alle Tricks und Perspektiven, Pfade kreuz und quer, rauf und runter, über Brücken, Stege, Gräben, Bäche, Seen, Felsen, Bäume, Büsche, Moose, Farne, Teehäuser, Ahs und Ohs, hier gluckst es, dort gurgelt es, ein Wunderwerk.

Nach weiteren Tempeln, Palästen, Gärten, Hochhäusern, Gemälden, Keramiken und Mangas landauf, landab, schwirrt mir der Kopf. All das bekomme ich nicht in das reduzierte Japan Bild von Taut. Erst recht nicht das städtebauliche Chaos drumherum: Einfamilienhäuser neben Bürotürmen, Tempel neben Tankstellen.

Für den Architekten Arata Isozaki ist das Japanische nicht Holzbau, nicht Tatami, nicht Wabi-Sabi. Der Ise-Schrein wird seit 1.300 Jahren alle 20 Jahre exakt gleich neu gebaut – shikinen sengu. Die Authentizität liegt im Ritus der Erneuerung, nicht in der materiellen Erscheinung. Architektur ist ein temporärer Zustand, kein Monument. Tadao Andos Beton wirkt monumental, ist aber genauso vergänglich gedacht mit willkommenen Altersspuren, wie ein Holzhaus von Kengo Kuma.

Das hat Folgen für die Immobilienwirtschaft. Japan baut in einem fundamental anderen regulatorischen Universum, nicht aus Achtlosigkeit, sondern aus bewusster Überzeugung.

Das Baurecht gilt landesweit und ist deutlich anspruchsloser. Innerhalb von 12 Nutzungszonen sind nur wenige Parameter geregelt: Höhe, GFZ, GRZ, Schattenwurf, Brandschutz. Wer das einhält, hat Rechtsanspruch auf die Baugenehmigung – ohne B-Plan, Ermessensabwägung, Naturschutzprüfung, Stellplatz- oder Gestaltungssatzung. Fast überall ist Wohnen erlaubt.

Was ich schon seit Jahren vorschlage, ist in Japan gängige Praxis: die Baugenehmigung läuft bei einfachen Vorhaben über akkreditierte, private Prüfer mit Checkliste. Und ist in 2–4 Wochen erteilt.

In Japan werden Holzbauten über 22 Jahre und Stahlbetonbauten über 47 Jahre abgeschrieben. Danach gelten sie als nicht beleihbar und werden zum Abrisskandidaten. Daher hat Japan, trotz rasant alternder Bevölkerung, Rekord-Neubauraten.

Ein Berliner Altbau ist eine wertgeschätzte Anlage, ein Haus in Tokio von 1985 hat es schwer, nicht abgerissen zu werden.

Japanische Architekten entwerfen das einzelne Haus als autarkes Objekt. Ich bin begeistert von den vielen kleinen, innovativen Wohnhäusern, mal als Würfelberg, Plattformbaum oder Lichtfilter gebaut. Die sind möglich, weil die Regulierung sich ausschließlich auf das einzelne Grundstück bezieht und die Nachbarschaft nicht als Gestalt prägend respektiert werden muss.

Japan hat erst 2025 eine verpflichtende Energieeffizienz-Norm für Neubauten eingeführt – Niveau deutscher Standard von vor 30 Jahren. Schallschutz und Barrierefreiheit werden gar nicht erst gefordert. All das führt zu halb so hohen Baukosten. 

Und jetzt die überraschende Erkenntnis: Da die Wohnungen kleiner sind und die disziplinierten Japaner deutlich sparsamer heizen, emittieren sie, trotz der schlechten Dämmung und der kürzeren Nutzungsdauer ihrer Häuser, weniger CO?.

So zeigt Japan, dass ein G7-Land auch mit niedrigeren Komfortstandards, weniger städtebaulicher Gestaltung und schlankeren Verfahren funktionieren kann.

Und der deutsche Weg, mit immer höheren Standards bei Städtebau, Komfort, Technik und Gebäudehülle, nicht der einzig mögliche ist.

Japan heute ist das Versuchslabor alternder Industrieländer: Demografischer Sturzflug, blockierte Gleichstellung, wirtschaftliche Stagnation, Migrationsabwehr. Und doch funktionsfähig genug, dass Reformen ausbleiben. 

Deutschland steht nicht so viel besser da. Wer das verstehen will, sollte Japan zwanzig Jahre vorausdenken. Als Warnung, was passiert, wenn man nicht schneller und tatkräftiger handelt.