Vom Bahnhof Scuol-Tarasp schlängelt sich der Zug im Stile einer kunstvoll aufgeführten Inszenierung durch das Unterengadin. Entlang des Inn Tals, vorbei an den idyllischen Dörfern Ardez, Guarda, Lanvin, um nach Sagliains durch den Vereinertunnel unter dem 3410 Meter hohen Piz Linard bei Klosters im Prättigau wieder aufzutauchen. Etwas weiter unten kommen wir pünktlich in Landquart wieder in einer urbanen Umgebung an: „Schöne Sunntig und uuf Wiederluege!“
Hinter uns liegt eine Woche Ferien mit unseren erwachsenen Kindern.
Wir haben uns entschieden, wieder einmal in der Jugendherberge in Scuol zu übernachten, geben alles und versuchen Gäste des Monats zu werden. Stossen aber wiederholt an unsere und klar gezogene Grenzen. Der Aufzug ist nur mit Gepäck zu benutzen. Gut. Das Frühstück beginnt nicht 6.58 Uhr, sondern um exakt 7.00 Uhr, die Kaffeemaschine wird präzise um 9.30 Uhr, auch vor meiner Nase, abgeschlossen. Am dritten Tag gelingt es uns auch, das Abendessen bis spätestens 10 Uhr vormittags zu bestellen. Nach dem Essen desinfizieren alle Gäste ausnahmslos ihren Tisch. Lunchbrote werden nicht selbstgeschmiert, sondern angefertigt, wenn sie am Vortag bis 18.00 Uhr an der Rezeption bestellt wurden. Humus, Oliven und Käse sind exakt zwei Auflagen zu viel. Das freundliche Aufeinanderprallen des Berliner Individualismus unserer erwachsenen Kinder mit der Verbindlichkeit der Schweizer Küchenchefin lässt mich Tränen lachen. Respekt.
Die wenigen Regeln, die man hat, sind einzuhalten. Ein einfaches Prinzip, das in Deutschland, dem Land der Kompromisse, etwas aus dem Blick geraten ist.
Über Jahrtausende führten die großen Handelsrouten an den Alpen vorbei. Die Täler waren abgeschieden, die Berge kaum überwindlich und Hunger ein ständiger Begleiter. Wer Knecht war und frei sein wollte, musste weiter oben an den Steilhängen
Wald roden und hoffen, den kommenden Winter zu überstehen.
Disziplin und Freiheitsliebe prägen diese direkte Demokratie ohne ein Staatsoberhaupt, aber mit vier Sprachen noch heute. Die 26 sehr eigenständigen Kantone wetteifern mit immer effizienteren Institutionen und noch geringeren Steuersätzen um Unternehmen und Bürger. Auch die Stadtplanung wird in Zürich, Basel oder Zug vorrangig als Standortpolitik verstanden. Dieses System aus wenigen Regeln und viel Eigenverantwortung hat zu einer starken Wirtschaft mit hohen Löhnen und einer noch höheren Lebensqualität geführt.
Neubauten fügen sich, als solche gut erkennbar, in ihre gewachsene Umgebung, ohne der Disziplin und protestantischen Askese ihrer Vorfahren zu widersprechen.
Die Tunnel und Brücken locken mittlerweile Menschen aus aller Welt in die Berge. Der Kontrast könnte kaum größer sein. Die einst karstigen Hänge haben sich in Vergnügungsparks verwandelt. Von den Zug- und Busstationen schaufeln Seilbahnen, Sessel- und Schlepplifte Tausende von Karvern, Skatern und Skifahrern bis auf die regelfreien Gipfel, künstlicher Schnee dämpft den Klimawandel, die Hütten verkaufen Tausende von Chickennuggets, Skischulen wedeln mit juchzenden Wackelkandidaten in Karawanen die Pisten runter. Paraglider schweben über den Snowboardern im Funpark, es geht drunter und drüber, Hubschrauber transportieren die Verletzten ab.
Trotzdem scheinen in der Schweizer Gesellschaft die Konflikte nicht zu den schlecht gelaunten Wutbürgern, wie auf der deutschen Seite, zu führen.
Dort werden nahezu alle Dinge gesetzlich geregelt. Um dann im Einzelfall Kompromisse auszuhandeln. Wenn die Regeln aber nur für die Anderen gelten und Ausnahmen zur Regel werden, wird jede Ordnungspolitik schnell als Werk eines übergriffigen Staates gesehen. Der fühlt sich für immer mehr verantwortlich, versucht auch noch jeden Spezialfall zu regeln, macht Politik für die Ränder, ist damit überfordert und verliert seine zentralen Aufgaben aus dem Blick. Eine Unsinnsspirale.
Auch die Immobilienwirtschaft sehnt sich nach der Freiheit des Rummelplatzes, schiebt aber seit sechs Jahren die Mühen der Rodung vor sich her. Sie muss aber, wie die Bergbauern, zunächst die alten Baumstümpfe aus den steinigen Hängen reißen, um wieder handlungsfähig zu werden. Erst wenn die faulen Kredite abgeschrieben sind, und die blockierten Grundstücke wieder einer sinnvollen Entwicklung zugeführt werden, ist der Weg frei für neue Projekte.